Im Zuge meiner Recherchen für einen Aufsatz über verschiedene Händler und Großhändler mit nicht allzu üblichen Waren, kam ich auf die Idee, den Handel mit Schaufensterpuppen näher zu beleuchten.
Dabei bemerkte ich zusehends, dass die Menschen, die solch ein Geschäft betreiben, irgendwie ein seltsames Völkchen sind.
Man hat den Eindruck, dass sie in irgendeiner Weise eine enge Beziehung zu ihren Handelsgütern, den Schaufensterpuppen und Schaufenstermannequins, entwickeln.

Im Schaufensterpuppen Shop in Berlin herrscht ein familiäres Klima

Während meiner Sammlung von Material über Schaufensterpuppen fand ich viele Menschen, die mit ihnen in Beziehung stehen. Da sind zum einen die Sammler und zum anderen die Einzelhändler, denen die Plastik und PE Schaufensterpuppen vor allem dazu dienen, ihre Waren anzupreisen und für ihre Kunden ansprechend in Szene zu setzen.
Einer dieser Einzelhändler gab mir den Tipp, für meine weitere Recherchen nach Berlin Wilmersdorf zu fahren und mich dort mit dem Inhaber eines Schaufensterpuppen Shop zu unterhalten. Er meinte, dass mir dieser Mann sicher Einiges über Geschichte und Entstehung der realistischen und beweglichen Schaufensterpuppen erzählen könne und er mir sicher auch eine ganze Menge über die Herstellung dieser Geschöpfe berichten könnte.
Schon als ich seinen Laden betrat, hatte ich das Gefühl, in eine Wohnung zu treten. Der Vorraum war wie ein Wohnzimmer der sechziger Jahre eingerichtet und auf dem Sofa und in den Sesseln fand man sitzende Schaufensterpuppen mit realistischen Gesichtern. Es handelte sich dabei um drei weibliche Schaufensterpuppen, die die Mode dieser Zeit trugen und mit ihren Perücken wirklich echt aussahen.
Der Ladenbesitzer begrüßte mich freundlich und lud mich ein, einen Kaffee im Kreise seiner Damen, wie er sie nannte, zu trinken. Anschließend wolle er mir sein Lager zeigen. Ich willigte ein und setzte mich neben eine bewegliche Schaufensterpuppe, die wie Sophia Loren aussah.

Das Lager war ein Paradies für Sammler von Schaufensterpuppen

Nachdem wir unseren Kaffee getrunken hatten, gingen wir in das Lager des Händlers. Ich dachte, dass ich in eine andere Welt trete.
Das Lager war wie eine Bahnhofshalle eingerichtet, wie ich sie noch aus den Tagen meiner Kindheit kenne, als man noch beschaulich mit der Dampflok fuhr.
Es waren Kartons mit Schaufensterfiguren aller Art auf einer großen Fläche gestapelt, die als Gepäckaufbewahrung gekennzeichnet war. Dabei handele es sich um seine Lagerbestände.
Gegenüber fand man verschiedene Bänke mit meist sehr realistischen Schaufensterfiguren, sowohl männliche Schaufensterpuppen als auch weibliche Mannequins und Kinderpuppen, die auf ihre Züge zu warten schienen. Dahinter waren Schilder mit verschiedenen Ortsnamen, die wohl die Reiseziele der verschiedenen Sendungen mit neuen und auch mit gebrauchten Schaufensterpuppen waren. Auf meine Nachfrage erklärte mir der Händler, dass er sich auf diese Art von seinen Mannequins verabschieden und ihnen eine gute Reise wünschen könne.
Überhaupt habe er vor allem unter den gebrauchten Schaufensterpuppen, die immer wieder gern gekauft werden, da ihnen oftmals bereits die Patina von Erlebnissen anhaftete, einige so lieb gewonnen, dass er die Kunden, denen er diese verkauft oft bittet, ihm wenigstens ein Foto der jeweiligen Modepuppe in ihrem neuen Zuhause oder von ihrem neuen Einsatzort zu schicken.
Auf diese Weise habe er schon eine stattliche Sammlung von Fotos seiner Schaufensterpuppen aus der ganzen Welt.
Er machte zum Schluss noch deutlich, dass auch bei ihm in den letzten Jahren die Umsätze erheblich gesunken seien, was er aber nicht der Krise zuschreiben könne, sondern dem neuen Trend, der in Richtung abstrakter Schaufensterpuppen ohne Gesicht oder nur mit stilisierten Gesichtszügen, denen er aber nichts abgewinnen könne und er sie deshalb meist nur auf spezielle Nachfrage anbietet.
Ich muss noch einmal betonen, dass es wirklich Spaß gemacht hat, mit einem Vertretet dieses eigenen Völkchens der Schaufensterpuppen-Liebhaber zusammen zu kommen und werde ihn sicher bald noch einmal besuchen.